...und Saddam winkt

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...und Saddam winkt



Freitagnachmittag, Ilse ruft an: "Kommst Du heute abend vorbei? Wir haben Chips und Flips besorgt." Gibt es einen besonderen Anlass? Wird ein Spieleabend veranstaltet? Oder gar eine Fete? "Nee, einfach nur Krieg gucken". Krieg???

Krieg! Für die meisten von uns ein Begriff, den wir glücklicherweise nur aus Geschichtsbüchern kennen. Die damit verbundenen bitteren Erfahrungen allenfalls aus Erzählungen von Eltern und Großeltern.

Berthold Brecht sagte "Stell' Dir vor: Es ist Krieg und keiner geht hin. Dann kommt der Krieg zu Dir!" Und es stimmt - er ist zu uns gekommen! Nicht in unser Land, nicht vor unsere Haustür, nein, in unsere Wohnzimmer.

24 Stunden am Tag erhalten wir via TV Berichte, Sondersendungen und Informationen aus erster Hand, hören wir, was Waffen-Experten, Militär-Experten, Irak-Experten, USA-Experten, Kriegs-Experten, Friedens-Experten uns zu sagen haben.

Auch das Internet ist keine kriegsfreie Zone mehr. Patriotische-, Anti-Amerikanische-, Anti-Irakische-, Anti-Deutsche-, Kriegs-, Friedens-, sonst-was-für-Banner teilen uns mit, welche Überzeugung der Betreiber der besuchten Website zum Thema Krieg hat. In diversen Foren diskutieren die Kontrahenten mittels verbaler Keule den Sinn und Unsinn des Pazifismus. Ja, der Krieg ist zu uns gekommen.

Hobby-Fußballkünstler a la "Wenn ich der Völler wär..." müssen den Sofa- und Sesselstrategen weichen, die, bewaffnet mit ihrem Hightech-Telecommander (man kann es auch Fernbedienung nennen, klingt aber längst nicht so gut), sich binnen kürzester Zeit einen völlig neuen Sprachschatz angeeignet haben. Anhand der Berichte der "embedded Journalists" kritisieren sie das Vorgehen der "Coalition Forces", bemängeln das "friendly fire" und bemessen den Wert der "collateral damages". Überhaupt würden sie ("Wenn ich im DOD [Departement of Defense = US-Verteidigungsministerium] wär...") alles ganz anders machen.

Karl, Ilses Mann, den ich bislang als relativ normalen Menschen eingeschätzt hatte, erklärt es mir ganz genau. Er hat nämlich kurzerhand den Sandkasten, den er in liebevoller Eigenarbeit für seine Kinder im Garten gebaut hatte, ins Wohnzimmer geschafft (glücklicherweise herrscht derzeit kein Sandkasten-Wetter) und mit Playmobilmännchen-Armeen bestückt (das nehmen seine Kinder ihm allerdings Übel). Und so schiebt der gute Mann die Playmobilmännchen - äh... Verzeihung - die Soldaten von hinnen nach dannen und zeigt mir genau, wie er es gemacht hätte, wenn er im DOD was zu sagen hätte: "Stadt für Stadt einnehmen und sich die Nachschubwege sichern. Und nicht direkt durch nach Bagdad! Sonst endet das alles noch wie in Stalingrad". Ah ja!

Auf mein geäußertes Unverständnis hinsichtlich der Journalisten, die, als alle Welt Bagdad wegen der drohenden Bombardierung verließ, sich dort hin auf den Weg machten, entgegnet er gelassen, damit sei ja wohl der Beweis erbracht, dass sich dieser Konflikt tatsächlich auf chirurgische Angriffe beschränken lasse. Sonst würden die ja nicht dort bleiben. Und überhaupt - auf der Bagdad-Webcam (Kreisverkehr, Autos, Passanten, auf der gegenüberliegenden Seite eine Statue von Saddam, der uns zuwinkt) sieht man ja deutlich: Dort herrscht ganz normaler Alltag! Meinen Hinweis, dass bei jedem chirurgischen Eingriff zwangsläufig Blut fließe, ignoriert er geflissentlich.

Nachdem ich zum siebten Mal Sand aus meinen Schuhen gekippt habe, die der übereifrige Generalissimo beim Ausheben der Schützengräben für seine Playmobilmännchen - äh... Verzeihung - Soldaten großzügig im Wohnzimmer verteilt hatte, verabschiede ich mich.

Als wir neulich telefonieren, erzählt mir Ilse, der Sandkasten stünde nun wieder im Garten und die Kinder wären selig, sie könnten endlich wieder mit ihren Soldaten - äh... Verzeihung - Playmobilmännchen spielen. Warum? Nun, das Regime sei gestürzt, der Krieg so gut wie beendet. Und der Kampf der Bevölkerung ums tägliche Überleben? Och, das haben wir auch bei Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüchen. Ist doch wie eine Wiederholung. Ob Bayer Leverkusen wohl absteigt? Ich interessiere mich auch nicht für Fußball und beende das Gespräch.